Montag, 7. November 2011

Soldaten zu Besuch - zu Ehren von Rachel

Heute Mittag, auf dem Heimweg vom Einkaufen, sehen wir plötzlich fünf israelische Kastenwagen und Dutzende Soldaten. Ein sehr ungewöhnlicher Anblick in Bethlehem, das in der so genannten Area A liegt, welche gemäss Oslo-Abkommen vollständig unter palästinensischer Kontrolle ist. Wir befürchten das Schlimmste: Nehmen sie jemanden fest? Ist es zu Ausschreitungen gekommen?

Ganz so schlimm ist es nicht. Sie wollen lediglich die Dächer zweier strategisch wichtiger Häuser besetzen. Strategisch heisst: Mit einem guten Überblick über Rachels Grab. Rachel war die Frau von Jakob, Isaaks Sohn, und ist im Judentum gleichermassen verehrt wie im Islam und im Christentum. Im Jahr 2002 begann Israel mit dem Bau der Sperrmauer und schlug das Grab auf die israelische Seite. Heute ist es Palästinensern nicht erlaubt, das Grab zu besuchen.

Schlangengleich zieht sich die Mauer durch Bethlehem. Links vom Wachturm ist das weisse Dach der Grabstätte von Rachel zu erkennen. (Bild: Jean Harrison)


Die Soldaten sind nicht ständig auf diesen Dächern stationiert. Der Grund für die heutige Intervention ist „Rachels Tag“, der mit Sonnenuntergang beginnt und bis morgen Abend andauert. Wie jedes Jahr werden Tausende von jüdischen Pilgern am Grab erwartet, und die gilt es zu beschützen, wie mir ein Soldat mitteilt. Sie hätten die Bewohner der Häuser gefragt, ob sie auf die Dächer dürften. Ob es denn einen Unterschied gemacht hätte, wenn sie nicht einverstanden gewesen wären, will ich wissen. „Erschossen hätten wir sie wohl nicht“, sagt er und lacht. Lustig, dieser Soldatenhumor.

Acht Soldaten verbringen die Nacht auf diesem Haus. Was sie unter anderem dabei haben: eine mobile Toilettenstation.

Eine palästinensische Attacke erwartet er nicht, es sei schliesslich nicht mehr Krieg. In den letzten Jahren sei es immer ruhig gewesen um Rachels Grab. Das freut mich natürlich für ihn und seine Kollegen, dennoch möchte ich wissen, ob er nicht allenfalls glaube, dass die Kinder in der Nachbarschaft etwas Angst haben könnten vor ihnen. "Kann schon sein. Aber die Sicherheit der israelischen Zivilisten hat nun mal Priorität für unsere Armee." Was ihn vielleicht freut, ist das Gerücht, wonach um Rachels Grab eine neue kleine Siedlung entstehen soll. Dann gäbe es auch auf der israelischen Seite hohe Dächer, auf welchen sie übernachten könnten.

Einsamer Soldat - aber immerhin mit einer guten Aussicht. (Bild: Jan Egil)

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