Dienstag, 22. November 2011

Der Wutwurm in mir

Vielleicht war er schon immer da, der Wutwurm in mir, aber seit zwei Monaten wird er regelmässig gefüttert, zu oft kriegt er Nahrung, so dass er jetzt beisst und sich windet und ich ihn nur mit Mühe zum Schweigen bringe.

In den letzten zwei Monaten hat er in einer durchschnittlichen Woche ungefähr folgende Menge an Nahrung erhalten:
  • Siedler holzen 29 Traubenstauden eines Bauers in Khallet Sakaryia ab. Es geht ihnen dabei nicht um ihn, sondern es ist ein Racheakt dafür, dass die israelischen Behörden Häuser in der benachbarten illegalen jüdischen Siedlung Beit Ein abgerissen haben.
  • Nasser, der jeden Tag als Bauarbeiter nach Jerusalem zur Arbeit geht, braucht 2 Stunden 15 Minuten, um durch den Checkpoint in Bethlehem zu gehen. Um 4 Uhr früh.
  • In einem Vorort von Jericho hat die israelische Armee drei palästinensische Häuser zerstört, ohne Vorwarnung, ohne gerichtliche Abrissorder, ohne vorher jemals in diesem Dorf gewesen zu sein. Die Familien waren in Jerusalem, als es passierte, sie konnten kein einziges Dokument und kein einziges Möbelstück retten.
  • Ein Siedler in Gush Etzion ruft einen 9-jährigen palästinensischen Jungen herbei, der neben der Strasse spielt, und sprayt ihm aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht.
  • In Al Jab’a erhalten die Bewohner den Befehl, die Strasse, die ab der Hauptstrasse zu ihrem Dorf führt, zu entfernen. Sie sei illegal erstellt worden, heisst es. Vom Abbrucherlass explizit betroffen ist auch das Schild über der Strasse, auf welchem „Willkommen in Al Jab’a“ steht.
  • In Al Walaja, wo momentan der Grund für den Bau der israelischen Sperrmauer vorbereitet wird, benutzen die Bauarbeiter derart massive Sprengkörper, um die grossen Felsbrocken wegzusprengen, dass die Häuser in der Nähe Risse erhalten.
  • In Tuqu’ werden sechs junge Männer verhaftet. Die israelische Armee stürmt ihre Häuser mitten in der Nacht. Der Vorwurf: Sie hätten Steine auf Soldaten geworfen.
  • In Hebron lassen Siedler ihr Abwasser über eine Treppe laufen, über welche Dutzende Schulkinder ihre Schule erreichen.
Und zu guter Letzt nennt mich eine radikale Siedlerin Nazi. Weil ich ein Foto mache von ebendieser Treppe in Hebron.

Diese Beispiele mögen populistisch wirken, reisserisch und einseitig, aber das ist die Realität in den besetzten Gebieten. Das sind die kleinen Ereignisse, die in keiner Zeitung erwähnt werden, die aber das palästinensische Leben ausmachen.

Der Wutwurm ist gross geworden in letzter Zeit. Es ist gut, dass ich bald nach Hause gehe. 

1 Kommentar:

  1. Was kann man noch sagen? Ich wollte etwas schreiben, etwas Unterstützendes und der Gräueltaten Anerkennendes - aber ich bin ebenfalls gelähmt vor ohnmächtiger Wut.
    Ich habe jeden angefangenen Satz aus Sinnlosigkeit wieder verworfen.

    Ich kann nur sagen, verlier die Hoffnung nicht. Jede Stimme zählt.

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