Sonntag, 9. Oktober 2011

Und für welche NGO arbeitest du so?

Gerüchteweise soll es in Bethlehem 500 NGOs (Non-Governmental Organisation) geben. Dies entspricht kaum den Tatsachen, aber leugnen kann man es nicht: NGOs lieben Bethlehem. Lernt man einen anderen Internationalen kennen, ist die erste Frage oft: „Und für welche Organisation arbeitest du?“

So viele Leute, die einzig hier sind, um für ein Ende der israelischen Okkupation zu kämpfen oder um deren Auswirkungen zu lindern, und derart wenig Erfolg. Was nützen wir eigentlich? Einige Palästinenser, denen ich am Checkpoint in Bethlehem begegnet bin, sagen, unsere Präsenz helfe, weil sich die israelischen Soldaten um eine schnellere Abwicklung bemühen. Andere meinen: Was nützt mir eine schnellere Abwicklung, wenn es immer schwieriger wird, eine Bewilligung für den Checkpoint zu erhalten?

Demonstranten in Al Walaja - die Hälfte davon Internationale

Ich fragte eine Vertreterin der UN OCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), ob sie glaube, dass die Präsenz all dieser NGOs den Status Quo aufrecht erhalte und ob es nicht allenfalls ein heilsamer Schock für die Welt sein könnte, wenn alle Hilfsleistungen eingestellt würden. So dass sichtbar würde, wie knapp eigentlich Palästina an einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Katastrophe vorbeischrammt, und wie wenig Israel als Besatzungsmacht dagegen unternimmt. Sie antwortete, dass es für Israel finanziell kein Problem wäre, in einem solchen Fall in die Lücke zu springen. Und dass die Hilfsorganisationen zu einem so bedeutenden Arbeitsgeber für die Palästinenser geworden seien, dass der Verlust all dieser Jobs untragbar wäre. Aber ich kriege auch die gegenteilige Meinung zu hören: Durch die internationale Hilfe bzw. ihre ökonomische Macht werde die Situation erträglich, es sei eine eigentliche „Ruhigstellung“ der Palästinenser.

Ich denke an die vielen Taxifahrer, welche an unseren täglichen Fahrten verdienen. Und ich denke an unsere Präsenz am Checkpoint, welche doch auch als Anerkennung dieses Checkpoints interpretiert werden könnte. Und ich erinnere mich, was mir eine Kollegin gesagt hat: „Wir können vor Ort vielleicht nichts ändern. Aber wir können den Palästinensern eine Stimme verleihen und hoffen, dass in unseren Ländern jemand zuhört“. Dieser Blog ist eine solche Stimme und ich hoffe, du hörst zu. 

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