Samstag, 24. September 2011

Die Welt auf der Seite Palästinas

Auf dem Weg von unserem Haus zu dem zentralen Manger Square in Bethlehem stauen sich die Autos. Entnervt gibt der Taxifahrer auf und lässt uns aussteigen – zu Fuss geht es schneller. Aus allen Richtungen eilen junge Männer, Familien und wenige Touristen zum grossen Platz neben der Geburtskirche. Aufregung liegt in der Luft, und als Mahmoud Abbas, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, auf der Grossleinwand zu seiner mit Spannung erwarteten Rede vor der UNO ansetzt, johlen die Leute und schwingen grosse palästinensische Flaggen. Mahmoud Abbas hat bei der UNO trotz intensivem israelischem und amerikanischem Anti-Lobbying offiziell die Anerkennung Palästinas als Staat beantragt. Es ist ein historischer Tag.

Picture taken by: Jan Egil Berg
Doch was bedeutet dieser Tag für die Palästinenser und ihren Alltag? Elie Shehadeh, politisch engagierter Bewohner von Beit Jala, ist überzeugt, dass der Antrag Änderungen zum Positiven mit sich bringen wird, nicht sogleich zwar, aber in der Zukunft. „Wenn wir den gewaltlosen Widerstand aufrecht erhalten, werden wir Israel auf die Grenzen von vor 1967 zurückdrängen können“, zeigt er sich optimistisch. Die Proteste in den letzten Tagen bezeichnet er als dritte Intifada.

Ein Schaudern löst dies im 20-jährigen Filmstudenten Abed von Bethlehem aus. Er, der bereits zweieinhalb Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hat, will auf keinen Fall eine weitere Intifada. Er unterstützt zwar den UNO-Antrag, fürchet aber gleichzeitig die Repression der israelischen Armee und erwartet keine Verbesserung der Lebensumstände.

Picture taken by: Jan Egil Berg
Luay Zaool, der in der Verwaltung von Bethlehem arbeitet, hat die israelische Repression an diesem historischen Tag bereits am eigenen Leibe erfahren. Während einer weitestgehend friedvollen Demonstration in Al Walaja wurde er nach einem kleinen Scharmützel von zwei Soldaten gepackt und in einen Kastenwagen gesperrt. Bevor er wieder freigelassen wurde, erzählt er, habe ihn der Offizier gefragt, ob er wirklich glaube, dass diese Demonstrationen den Palästinensern zu einem eigenen Staat verhelfen werde. Und stolz wiederholt er die Antwort, die er auch dem Israeli gegeben hat: „Es ist genau dieser gewaltlose Aufstand, der sowohl uns als auch die Israelis zu einem Staat führen wird.“

Stolz ist das dominierende Gefühl an diesem Freitag, ob gemischt mit Hoffnung oder nicht. „Abbas’ Rede hat uns Palästinensern Würde gebracht“, meint Zaools Arbeitskollege Khalil Salamel. Und der junge Student Moeiad fügt hinzu: „Unser Leben wird sich nicht ändern. Aber dank Abbas hat die Welt uns gehört. Die Welt ist auf unserer Seite.“

4 Kommentare:

  1. Toll! Du bist mein Bethlehem Newspaper!

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  2. danke für diese beiträge.... sehr toll, eine privatreporterin vor ort zu haben! :)

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  3. Ab sofort liest die Familie mit... Nicht als Drohung zu verstehen, bitte schön! Familie heisst - interessierte und ein klein wenig auf dich stolze Leute. Spannend zu lesen!

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  4. Hoi Martin! Das freut mich natürlich sehr zu lesen! Hach, schon gut, Familie zu haben... :)

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