Mittwoch, 28. September 2011

Israels Kindersoldaten


Kindersoldaten in Israel? Nein, Kindersoldaten gibt es in Afrika, in Uganda etwa, in Drittweltländern halt. Und doch habe ich das Gefühl, mir steht am Checkpoint ein Kind gegenüber. Der Soldat ist dünn, picklig und furchtbar nervös. Das Gewehr scheint viel zu gross für ihn. Seine Aufgabe – Kontrolle der passierenden Palästinenser an einem fliegenden Checkpoint neben dem Dorf Tuq’ua – ist es sowieso.

Israelis gehen in der Regel mit 18 Jahren, nach Abschluss der High School, in die Armee. Männer für drei Jahre, Frauen für zwei. Bei meinem ersten Besuch am Checkpoint in Bethlehem hat mir der diensthabende Offizier, 21-jährig, stolz erklärt, dass Israelis dank dem Armeedienst schneller erwachsen würden als Jugendliche anderer Länder. Dann wechselte er das Thema und erzählte mir von seiner letzten Party in Tel Aviv. Und ich stellte mir vor, wie ich mich als 18-Jährige gefühlt hätte, wenn mir jemand ein Gewehr in die Hand gedrückt und mich in „Feindesland“ geschickt hätte – ich hätte wohl alles dafür gegeben, mich zu Hause hinter meinen Eltern verstecken zu dürfen. 

Samstag, 24. September 2011

Die Welt auf der Seite Palästinas

Auf dem Weg von unserem Haus zu dem zentralen Manger Square in Bethlehem stauen sich die Autos. Entnervt gibt der Taxifahrer auf und lässt uns aussteigen – zu Fuss geht es schneller. Aus allen Richtungen eilen junge Männer, Familien und wenige Touristen zum grossen Platz neben der Geburtskirche. Aufregung liegt in der Luft, und als Mahmoud Abbas, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, auf der Grossleinwand zu seiner mit Spannung erwarteten Rede vor der UNO ansetzt, johlen die Leute und schwingen grosse palästinensische Flaggen. Mahmoud Abbas hat bei der UNO trotz intensivem israelischem und amerikanischem Anti-Lobbying offiziell die Anerkennung Palästinas als Staat beantragt. Es ist ein historischer Tag.

Picture taken by: Jan Egil Berg
Doch was bedeutet dieser Tag für die Palästinenser und ihren Alltag? Elie Shehadeh, politisch engagierter Bewohner von Beit Jala, ist überzeugt, dass der Antrag Änderungen zum Positiven mit sich bringen wird, nicht sogleich zwar, aber in der Zukunft. „Wenn wir den gewaltlosen Widerstand aufrecht erhalten, werden wir Israel auf die Grenzen von vor 1967 zurückdrängen können“, zeigt er sich optimistisch. Die Proteste in den letzten Tagen bezeichnet er als dritte Intifada.

Ein Schaudern löst dies im 20-jährigen Filmstudenten Abed von Bethlehem aus. Er, der bereits zweieinhalb Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht hat, will auf keinen Fall eine weitere Intifada. Er unterstützt zwar den UNO-Antrag, fürchet aber gleichzeitig die Repression der israelischen Armee und erwartet keine Verbesserung der Lebensumstände.

Picture taken by: Jan Egil Berg
Luay Zaool, der in der Verwaltung von Bethlehem arbeitet, hat die israelische Repression an diesem historischen Tag bereits am eigenen Leibe erfahren. Während einer weitestgehend friedvollen Demonstration in Al Walaja wurde er nach einem kleinen Scharmützel von zwei Soldaten gepackt und in einen Kastenwagen gesperrt. Bevor er wieder freigelassen wurde, erzählt er, habe ihn der Offizier gefragt, ob er wirklich glaube, dass diese Demonstrationen den Palästinensern zu einem eigenen Staat verhelfen werde. Und stolz wiederholt er die Antwort, die er auch dem Israeli gegeben hat: „Es ist genau dieser gewaltlose Aufstand, der sowohl uns als auch die Israelis zu einem Staat führen wird.“

Stolz ist das dominierende Gefühl an diesem Freitag, ob gemischt mit Hoffnung oder nicht. „Abbas’ Rede hat uns Palästinensern Würde gebracht“, meint Zaools Arbeitskollege Khalil Salamel. Und der junge Student Moeiad fügt hinzu: „Unser Leben wird sich nicht ändern. Aber dank Abbas hat die Welt uns gehört. Die Welt ist auf unserer Seite.“

Dienstag, 20. September 2011

Der Flaggenstreit

Wo immer israelische Siedler ein palästinensisches Haus besetzen, in einer Siedlung ein weiteres Haus hinzufügen oder auf einem Hügel einen so genannten Outpost erstellen – sogleich wird die israelische Flagge verwendet, um das neue Gebäude zu markieren. Der blaue Davidstern auf weissem Hintergrund ist in Siedlungen omnipräsent und den Palästinensern ein Dorn im Auge. Nun dürfen sie sich nicht einmal mehr revanchieren. Im Zuge des Antrags an die UNO um die Anerkennung des Staates Palästinas wurden Tausende von kleinen palästinensischen Flaggen produziert, die sich am Auto befestigen lassen. Jene Art von Flaggen, wie sie während der letzten Fussball-Weltmeisterschaft unübersehbar waren. Die Fähnchen stiessen auf grosses Interesse, und fast kam in den Strassen Bethlehems und den umliegenden Dörfern so etwas wie Feststimmung auf.

Besetztes Haus in Ostjerusalem - geschmückt mit israelischen Flaggen und Chanukka-Leuchter.
Feststimmung hält in den besetzten Gebieten nie lange an. Siedler begannen unverzüglich, beflaggte Autos mit Steinen zu bewerfen. Israelische Polizisten stoppten die Farbe bekennenden Fahrer und büssten sie. Die Fähnchen verschwanden so schnell wieder, wie sie aufgetaucht waren. Geblieben sind die blauen Davidsterne.

Samstag, 17. September 2011

Drei Monate in Bethlehem

Drei Monate werde ich in Bethlehem wohnen, arbeiten, fluchen, schwitzen, rennen, verzweifeln, die Hoffnung verlieren, Tee trinken, Gespräche führen, Menschen kennenlernen, vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung zurückerhalten, Erinnerungen fürs Leben gewinnen.
Picture taken by: Maria S. (EAPPI)

Wir sind zu fünft in unserem Team, fünf Menschen aus fünf Ländern. Unsere Wohnung befindet sich 50 Meter von der acht Meter hohen israelischen Sperrmauer entfernt. Die Mauer ist fixer Bestandteil des Alltags der Palästinenser, sie nimmt ihnen Land, sie zwingt sie durch demütigende Checkpoints und sie zerreist Dörfer und Familien. 

Als Ecumenical Accompanier versuchen wir, die Palästinenser in ihrem schwierigen Alltag zu begleiten und ihn wo möglich etwas zu erleichtern, wir dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und versuchen das Bewusstsein für die fatalen Auswirkungen der israelischen Okkupation zu steigern. 

In diesem Blog will ich Dinge notieren, die mir in diesen drei Monaten in der Westbank auffallen werden, kleine Dinge oder auch grosse Dinge. Um einen kleinen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten.